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Deutschland, 2013

Stella Menzel und der goldene Faden

Stella liebt ihre Decke aus blauem Seidensatin, die sie von ihrer Ururgroßmutter geerbt hat – eine Decke übersät mit Sternen und Schneeflocken aus Silberbrokat und mit einem goldenen Faden eingefasst. Auf jeden, der ihn besitzt, übt dieser Stoff eine magische Wirkung aus, denn seine Falten bergen die Kraft, die Geschichten seiner Besitzerinnen einzufangen: wundersame Geschichten vom alten Russland, vom Berlin der 20er Jahre, von der Flucht der jüdischen Familie nach New York und dann wieder einem Neuanfang in Berlin. Anfangs ein Wandbehang, wird er später eine Tischdecke, ein Klavierschal und dann eine Decke für Stella. Das Erbstück begleitet sie von der Wiege bis zum ersten Kuss – und während der Stoff sich immer wieder verwandelt und kleiner wird, wird auch Stella ein Teil seiner Geschichte.

Ein Buch über Mütter und Töchter, über unsere Wurzeln – und über den goldenen Faden, der alles miteinander verbindet.

ab 9 und für die ganze Familie
Rowohlt, 2013
aus dem Amerikanischen von
Brigitte Jakobeit
Mit Illustrationen von Reinhard Michl
160 Seiten, Hardcover/Halbleinen

Die Geschichte hinter der Geschichte


Viele Leser fragen mich, woher die Ideen für meine Bücher kommen. Eine schwierige Frage, denn ich weiß es nicht genau. Ideen kommen plötzlich und anscheinend wie aus dem Nichts, und meistens auch noch in den seltsamsten Situationen, zum Beispiel wenn ich etwas Banales mache wie Geburtstagsgeschenke einpacken oder die Polenta rühren oder die Wäsche aufhängen. Eine Idee ist wie ein kleines Wunder: Ich bin froh, dass es immer wieder Wunder gibt, aber ich muss nicht unbedingt wissen, woher sie kommen. Doch so viel weiß ich: Alles, was wir erleben, denken, träumen, hoffen, fühlen, lernen und lesen, findet irgendwie seinen Weg in unser Herz, unseren Verstand, unser Innerstes und nistet sich dort ein. Irgendwann kriecht ein Teil davon aus seinem Versteck und erscheint als Idee. Das Kniffelige daran ist, dass wir diese Idee nicht immer als solche erkennen, aber wenn doch, dann müssen wir bereit sein, mit ihr auf die Reise zu gehen.
Dies vorausgeschickt, verrate ich gern, dass die ursprüngliche Anregung für „Stella Menzel und der goldene Faden“ von einem alten jiddischen Volkslied stammt, das im Laufe der Jahre in immer wieder neuen Versionen gesungen oder erzählt worden ist — auch in amerikanischen Bilderbüchern für Kinder.
Das Lied erzählt folgende Geschichte: Ein armer Schneider in einem osteuropäischen Dorf — meistens heißt er Yusuf oder Josef — besitzt einen Lieblingsmantel, der zerfleddert und zerrissen ist. Seine Frau fleht ihn an, ihn wegzuwerfen und sich einen neuen zu nähen. Aber er weigert sich. Er sagt, er werde daraus etwas anderes machen. „Aus nichts kann man nichts machen!“, schimpft seine Frau. Der Schneider bleibt stur und ändert den Mantel in eine Jacke um, die er dann jahrelang trägt… So geht es immer weiter: das Kleidungsstück wird getragen bis es auseinanderfällt. Trotz der ständigen Nörgelei seiner Frau schnippelt der Schneider am alten Kleidungsstück herum, bis etwas Neues daraus entsteht. Es wird immer kleiner, irgendwann eine Weste, dann eine Krawatte, ein Taschentuch, ein Knopf, und als der Knopf verloren geht, kann man nichts mehr aus ihm machen, weil er eben weg ist. Doch zur großen Überraschung seiner Frau fällt dem Schneider selbst dann noch etwas ein: er macht ein Lied aus der Geschichte des Mantels.
Dieses wunderschöne kleine Volkslied über Kreativität, Tatkraft und eine ordentliche Portion Sturheit fand ich lustig.
Aber ich wollte noch mehr erzählen. Was wäre, wenn der ursprüngliche Stoff nicht ein zerschlissener alter Mantel wäre, sondern ein schönes Familienerbstück, das von einer Generation zur nächsten wandert, das sich im Laufe der Zeit verändert, das zerfetzt und zerrissen wird und kleiner und kleiner wird und trotzdem alle Erinnerungen der Familien und der Frauen, die es besaßen, in sich birgt?
So nahm meine Version des Volksliedes langsam Form an, und ich merkte bald, dass ich mit dieser Geschichte unbewusst etwas über die Bedeutung von Familiengeschichten erzählen wollte, über unsere Wurzeln und unsere Verbundenheit mit unserer Vergangenheit und den Generationen vor und nach uns.
Als ich mir mein Stück Stoff vorzustellen begann (blauer Seidensatin, bestickt mit Silberbrokat), kam mir der Gedanke ihn mit einem goldenen Faden zusammenzunähen. Gold und Silber, beides Edelmetalle, das lag nahe. Und sobald ich den goldenen Faden vor Augen hatte, wusste ich, dass er für diese Erzählung absolut perfekt war, denn bildlich gesprochen, zumindest im Englischen, ist ein „goldener Faden“ auch etwas, dass zwei Dinge zusammenhält. So ist der goldene Faden, der den ursprünglichen Wandbehang in unserer Geschichte zusammenhält, nicht nur buchstäblich ein goldener Faden von einer Holzspule, sondern er steht auch metaphorisch für den innigen Wunsch der Familie nach Zusammenhalt über Generationen hinweg, und dieser Wunsch durchdringt den Stoff bis in seine letzte Faser.
Aber „goldener Faden“ hat auch noch eine andere Bedeutung, die bis in die griechische Mythologie zurückreicht. Es heißt, dass ein Ungeheuer, der Minotaurus, auf der Insel Kreta unter dem Königspalast in einem Labyrinth gefangen war, aus dem niemand entkommen konnte. Lange Zeit wurden einmal im Jahr die schönsten Jünglinge und Jungfrauen Griechenlands in das Labyrinth geworfen und dem Ungeheuer dargeboten, um seinen Hunger zu stillen. Eines Tages jedoch meldete sich ein junger Prinz aus Athen namens Theseus freiwillig als Opfer für den Minotaurus. Er aber wollte den Minotaurus ein für allemal töten. Ariadne, die Tochter des Königs, die in Theseus verliebt war, gab ihm ein goldenes Fadenknäuel, mit dessen Hilfe er den Weg zum Minotaurus und wieder aus dem Labyrinth heraus finden sollte, sobald das Ungeheuer besiegt wäre. Und es funktionierte.
Im Verlauf der Jahrhunderte wurde der „goldener Faden“ als eine Art Orientierungshilfe verstanden, mit der wir den Weg zu uns selbst wiederfinden, nachdem wir unsere Dämonen bekämpft haben. Er ist unser Leitfaden durch das Rätsel des Lebens, und wenn wir ihm folgen, verbindet er uns mit unseren innersten Wünschen und unseren Liebsten und bringt uns heil nach Hause zurück. Dass die Großmutter in dieser Geschichte ihrer Enkelin den goldenen Faden schenkt, um ihr etwas auf ihrem Weg durchs Leben mitzugeben, gefiel mir. Dass die erwachsene Mutter die Bedeutung des goldenen Fadens erst mal verstehen lernen musste, gefiel mir sogar noch besser.
Ich könnte noch endlos weiter über die Quellen der Inspiration für diese Erzählung spekulieren, warum ich dieses oder jenes geschrieben habe, oder woher diese oder jene Idee kam. Doch das könnte die Magie zerstören — für mich und meine Leser. Zur Magie gehört es, dass sie uns zum Staunen bringt. Wenn wir zu viel wissen und zu viel erklärt bekommen, bleibt das Staunen aus. Und das wäre doch schade.